Neue Analyse
Der Niedergang der Identitären im Ruhrgebiet?
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Identitäre an der RUB: Zu ihren aktive Zeiten hinterließen sie auch Sticker, Flyer und Plakate auf dem Campus. Bild: Archiv
Identitäre an der RUB: Zu ihren aktive Zeiten hinterließen sie auch Sticker, Flyer und Plakate auf dem Campus.

Rechtsradikalismus. Obwohl die sogenannte „Identitäre Bewegung“ in ihrem ursprünglichen Ziel scheiterte, birgt sie weiterhin Gefahr und radikalisiert sich.

Seit ungefähr einem Jahr recherchiert das Netzwerk „Identitäre in Bochum“ über die Strukturen der sogenannten Identitären Bewegung in Bochum und dem Ruhrgebiet. Vor kurzem erschien eine neue Analyse, die die aktuellen Umtriebe der vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppierung dokumentiert. Darin zeigen sie auf, dass sich die Identitären im Ruhrgebiet in den vergangenen Monaten aufgrund fehlender Beachtung zunehmend in die Kreise von traditionellen rechten Akteur*innen begaben.

Darin verzeichnet sich ein wesentliches Scheitern der Strategie der Gruppierung. Häufig als „IBster“ – in Anlehnung an Hipster – bezeichnet, versuchten sich die Identitären ursprünglich als Jugendbewegung zu stilisieren. Als moderne Bewegung, die trotz ihrer rechten Gesinnung nicht radikal wirkt und dadurch den unliebsamen, sozial geächteten Anstrich sonstiger nationalistischer Bewegungen vermeidet. Ihr Zielpublikum sind dementsprechend junge Personen, die sie hofften, durch ein hippes Auftreten in die eigenen Reihen zu holen. Auch an der RUB hinterließen sie regelmäßig Sticker und Flyer.

Doch die Rechnung ist nicht aufgegangen. „Die IB-NRW ist konsequenterweise dort angekommen, wo sie nie sein wollte, als extrem rechter Akteur aber hingehört: zwischen Neonazis und gewaltbereiten Rassist*innen“, sagt das Recherchenetzwerk. Denn da der alte Name als „Identitäre Bewegung“ mittlerweile gebrandmarkt ist, firmieren die Nordrhein-Westfälischen Ortsgruppen nun unter der Gruppierung „Defend Ruhrpott“, eine Anlehnung an die Geflüchtetenboots-Blockierung „Defend Europe“ der Identitären. Im Internet traten sie mit Aktionen wie dem vermeintlich satirischen Format „Ruhrpott Roulette“ oder rechtem Rap auf. „Erneut wird aus taktischen Gründen auf einen direkten IB-Bezug verzichtet. Dem Zuschauer sollen die rassistischen, antisemitischen, frauenfeindlichen und transphoben Inhalte und Einstellungen der ProtagonistInnen als ‚Satire‘ untergejubelt werden“, heißt es.

Doch obwohl sie weiterhin versuchen, mit rechtem Lifestyle zu ködern, radikalisiert sich auch die Außendarstellung der rund 15 noch aktiven Mitglieder. Ehemals bezeichnete das Bochumer Mitglied Marco Müller die Gruppe als „demokratisch und friedlich“, doch diese Tage sind vorbei. Defend Europe ordnen sich nun selbst als „rechts“ ein und zeigen sich offen rassistisch (Blackfacing), antisemitisch (Schneiden eines Videos, sodass mehrmals hintereinander das Wort „Jude“ fällt) sowie frauen- und transfeindlich. Auch auf den Straßen radikalisieren sich die Identitären von Defend Ruhrpott. So nahmen sie in den vergangenen Monaten an Demonstrationen der sogenannten „Bürgerwehr“ in Herne, sowie den Dortmunder Neonazis und bei „Spaziergängen“ der Essener Steeler Jungs teil und riefen zum Aufmarsch von Neonazis und HoGeSa-Mitgliedern (Hooligans gegen Salafisten) in Mönchengladbach auf.

Auch pflegen die Identitären im Ruhrgebiet gute Beziehungen zu Identitären in Halle, wo erst vor kurzem ein rechter Anschlag geschah. Für eine Demonstration im Juli tauchten Ruhrgebiets-Identitäre in einem Mobilisierungsvideo auf. Auch die Essenerin Melanie Schmitz, die vor allem nach außen eine leitende Rolle hat und beispielsweise mit Aufnähern von Bands aus der faschistischen Casapound-Szene posiert, kommt ursprünglich aus Halle.

:Stefan Moll

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