Rund 450 Rechtsradikale marschierten durch Dortmunder Vororte und trafen auf breiten Widerstand
Braune und Blockaden
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Ruhe vor dem Sturm: In Westerfilde haben sich die Neonazis versammelt, um mit Fahnen, Transparenten und Wut im Bauch durch Dortmund zu ziehen. Foto: dh
Ruhe vor dem Sturm: In Westerfilde haben sich die Neonazis versammelt, um mit Fahnen, Transparenten und Wut im Bauch durch Dortmund zu ziehen.

Feiertags ist 9 Uhr morgens besonders früh. Diesige Luft legt einen Schleier über die menschenleere Dortmunder Innenstadt. Polizeiwagen warten auf dem Bahnhofsvorplatz. Der U-Turm verkündet in fliegenden Bildern, dass er Nazis schon damals doof fand. Am Abend werden die Medien berichten: von Rechtsradikalen, verbal aggressiv, friedlich protestierenden BürgerInnen, ein wenig Polizeigewalt – gegen vermummte Linksautonome, denn die haben angefangen. Alles wie immer. Und bestimmt kommen sie wieder, spätestens Anfang September, Neonazis jeder Couleur: Tätowierte, stiernackige Glatzköpfe, mit vor Wut pulsierenden Adern auf der Stirn, Möchtegernhitler, deutsche Altrocker und junge „autonome Nationalisten“ in Schwarz. Alles wie immer – oder nicht?

Mit müden Augen stehen sie da, klammern sich an Getränke: Punks ans letzte Bier der durchzechten Mainacht; Antifas und verärgerte BürgerInnen in bunten Anoraks, wahlweise an Mineralwasser gegen den Nachdurst oder Kaffee zum Wachwerden. Oberhalb der Katharinentreppe sind sie versammelt. An dem Ort, wo oft der antifaschistische Protest beginnt. Immer dann, wenn aus Dortmunds kleinem Naziproblem für wenige Stunden ein größeres wird. Wenn braune KammeradInnen aus anderen Bundesländern kommen, um durch die Ruhrmetropole zu marschieren. Die Stadt dient den Ewiggestrigen als Steilvorlage für rechte Theorien: Viele AusländerInnen, hohe Arbeitslosigkeit, Menschen, nein, wilde Horden, die, O-Ton Neonazi-Kundgebung, „in Hausflure scheißen“.

Antifaschistische S-Bahn-Fahrt

Ein Bild, das viele Dortmunder nicht von sich gezeichnet wissen wollen. Rückenwind für Antifaschismus – im demokratischen Rahmen – gibt’s von der lokalen Politik. Und vom neuen Polizeipräsident Gregor Lange. Den Neonaziaufmarsch hätte der gerne gänzlich verboten, Blockaden seien mit Einschränkungen legitim. OB Ullrich Sierau ruft regelmäßig dazu auf. Aussitzen sollen es aber andere. Diesmal ist unter dem programmatischen Titel BlockaDO ein Anti-Nazi-Bündnis ins Leben gerufen worden. VertreterInnen von Gewerkschaften, Parteien, Jugendorganisationen und Antifagruppen wollen sich mit engagierten BürgerInnen organisiert und gezielt auf die Marschroute hocken –  eine logistische Herausforderung.

Gleich geht’s los. Es dürften mehrere Hundert sein, die von der Katharienentreppe aus schnellen Schrittes zur Haltestelle Kampstraße huschen. Der Hauptbahnhof wird gerade abgeriegelt. Erst ein Stück in die falsche Richtung fahren, dann umsteigen in Richtung Dorstfeld und dort zu Fuß weiter; dann doch in die nächste Bahn; Ansagen kommen durchs Megafon. Und schließlich stolpert eine ganze S-Bahn-Ladung BlockiererInnen auf den Bahnsteig in Westerfilde, wo in wenigen Stunden auch die Neonazis ankommen sollen. „Hier sind wir richtig“, heißt es. Die Rechtsradikalen müssen anders anreisen. Ein Erfolg.

Petzende Neonazis

Derweil ist es noch ruhig auf der Westerfilder Straße. Ein paar Neonazis bauen Lautsprecher auf. Die Lokalprominenz der Partei  Die Rechte versucht Flugblätter unters Volk zu bringen. „Warum ausgerechnet hier?“, fragt ein Bürger. Polizisten frühstücken in Einsatzfahrzeugen. Gelangweilte Neonazis patrouillieren die Straße entlang, entdecken AntifaschistInnen, die sich durchs Gebüsch anschleichen, petzen bei der Polizei. Ein paar schaffen es bis auf die Straße und werden wieder abgeräumt.

Am späten Mittag kommen die KammeradInnen. Kiosk-Stopp unter Polizeiaufsicht: Colabier für den braunen Herren, Korn mit Sprite für die braune Damen von Heute. Der arme Verkäufer muss die Mische machen. Hetzreden werden angestimmt, schwarzweißrote Fahnen entrollt. Frakturschrift und böse Tattoos sind angesagt. Es gibt einen Nazi-Hipster und einen Hitlerbartträger. Anwohner trommeln auf Kochtöpfe und tröten mit schwarzrotgoldenen Vuvuzelas gegen die rechten Parolen. Dann setzt sich der braune Pöbel Richtung Nette in Bewegung: „Nie wieder Israel“, „Nationaler Sozialismus jetzt“, „Deutschland den Deutschen“ und „Geht zurück nach Ankara“ keifen die Rechten ihren GegendemonstrantInnen und ausländischen MitbürgerInnen am Straßenrand ins Gesicht. Blankes Entsetzen auf der anderen Seite. „Richtig“, brüllen allerdings auch einige zurück. So auch drei blondierte Damen kurz vor Nette. Eine macht den männlichen Neonazis schöne Augen, findet die Buben „wie aus dem Ei gepellt“, lässt sich einen Flyer geben und steckt ihn lasziv in die Potasche ihrer knallengen Jeans.

Rückkehr zum Nationalsozialismus

„Der Ton wird rauer“, erzählt ein Journalistikstudent, der die Rechten seit Jahren für seine Bachelorarbeit beobachtet. Er analysiert Reden, Parolen, sogar die Laufgeschwindigkeit von Neonazis. Eine Rückkehr zum Nationalsozialismus habe er noch nie so offen gefordert gehört, wie an diesem 1. Mai in Dortmund. Auch Zeitungen werden von einer außergewöhnlich aggressiven Stimmung berichten. Der Tatbestand der Volksverhetzung wurde etliche Male erfüllt. Offenbar nur um eine Eskalation zu vermeiden, hat die Polizei gewähren lassen. Jetzt wird nachbereitet und ermittelt. Das Konzept BlockaDO ist in Teilen aufgegangen und die Neonazis haben nun ausreichend Anlass geboten, dass ein Verbot vor ihrem nächsten Besuch erneut überdacht wird.

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