Wie tolerant ist Bochum?
#bochumfürtoleranz
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Toleranz: Ein wichtiger Begriff, über den diskutiert wurde. Bild: :bena/leda
Toleranz: Ein wichtiger Begriff, über den diskutiert wurde.

Schwerpunkt. Anlässlich des internationalen Tages der Toleranz  am 16. November fand in Bochum eine Demokratie- und Integrationskonferenz statt. Aber ist der Begriff „Toleranz“ schon überholt – oder war er sogar noch nie aktuell? Wir waren vor Ort und haben mit Besucher*innen und Organisator*innen gesprochen und gefragt, wie sie den Begriff definieren würden.

Pünktlich um 15 Uhr öffneten sich die Pforten des Audimax und hießen alle interessierten Teilnehmenden willkommen. Dort versammelten sich vor dem Hörsaal rund 38 Aussteller*innen und tauschten sich mit dem Publikum aus, ehe die offizielle Begrüßung im Audimax das Programm einläutete. Unter ihnen befanden sich universitäre Einrichtungen wie das International Office und Gender Studies der Ruhr-Universität, aber auch Vereine wie Rosa Strippe, Refugee Law Clinic Bochum oder der Kinder- und Jugendring Bochum. Die Veranstalter*innen  und Sponsor*innen, zu denen das Kommunale Integrationszentrum der Stadt Bochum, die Fakultät für Sozialwissenschaft sowie der AStA zählen, gestalteten eine Stätte der Kommunikation und des Austauschs. Essenziell war an diesem Tag, dass alle Facetten der „Toleranz“ gezeigt werden konnten: Teil davon waren unter anderem Armut, LGBTQIA*, Migration und Sexismus.

Moderatorin Marija Bakker begrüßte die Kanzlerin der Uni, Dr. Christina Reinhardt, sowie den Oberbürgermeister der Stadt, Thomas Eiskirch, auf der Bühne. Gemeinsam eröffneten sie den Nachmittag. Reinhardt erklärt: ,,Der Tag der Toleranz ist ein guter Tag, um als Institution zu zeigen, dass man für diese Werte steht und nicht nur Initiativen – bottom-up Initiativen – Raum gibt, sondern auch selber seinen institutionellen Verantwortungen gerecht wird, indem man Strukturen schafft, Ressourcen entsprechend einsetzt und so weiter – und eben auch in institutioneller Verbindung mit der Stadt Bochum so etwas lostritt.‘‘
Diese Wichtigkeit universitär-orientiertem Engagements empfindet auch Sarah Köthur von UniverCity Bochum, die berichtet, dass schon häufiger auch Veranstaltungen explizit für internationale Studierende ausgerichtet wurden und dies auch in Zukunft so sein wird. So zum Beispiel Anfang des Jahres bei ,,Bochumer Hochschulen stellen sich vor‘‘, speziell für internationale, geflüchtete Studierende: ,,Hierbei geht es darum, welche Studiengänge die Universitäten anbieten, was die Zulassungsvoraussetzungen sind, wie man sich am besten auf ein Studium vorbereitet. Es gibt eben viele internationale Studierende, die gar nicht wissen, wo sie ansetzen sollen, die oft auch einen Mentoren haben. Das heißt, die Veranstaltung eignet sich auch dafür, mit ihren Mentoren gemeinsam dahinzukommen und sich zu informieren.‘‘

Der  Nachmittag gestaltete sich abwechslungsreich und bot den Zuhörer*innen die Möglichkeit, Gehörtes mittels kreativer Gestaltungen zu verarbeiten. Musikalische Akzente setzten in den Pausen Grenzen.los oder WorldBeatClub, aber auch eine Theaterpreview vom Ensemble Rangarang konnte das Publikum erleben. Den Abend rundete das Trio von RebellComedy ab, das mit Lyrik und Witz ihre Gedanken zum Thema des Tages ausdrückten.
Dennoch war für viele Besucher*innen die Podiumsdiskussion das Highlight der Konferenz. Dort diskutierten Vertreter*innen aus verschiedenen Bereichen über die Leitfrage: „Wie tolerant ist unsere Gesellschaft?“ Hierbei spalteten sich die Meinungen darüber, wie fortschrittlich Bochum und NRW aktuell sind. Am Ende kommt aber heraus, dass man sich, wie auch immer, für eine tolerante Gesellschaft aktiv einsetzen sollte.

:bsz fragt: ,,Wie würdet Ihr Toleranz definieren?”

Marija Bakker, Moderatorin der Konferenz
„Toleranz ist ein schwieriger Begriff, weil es bedeutet, dass man Dinge neben sich in Ordnung findet. Aber Toleranz hat für mich auch etwas, was ein bisschen passiv ist. Ich finde Akzeptanz besser – oder sagen wir mal: gelebte Toleranz. Man sollte nicht einfach sagen, dass man etwas in Ordnung findet und sich wieder hinsetzen. Stattdessen sollte man sagen: ,,Ja, das geht mich etwas an!’‘ Ich möchte, dass Toleranz wirklich aktiv wird und Leute mitziehen. Nicht nur abnicken: Es muss ein bisschen mehr sein.“

 

Tabea, Mitarbeiterin und Studentin der Fakultät für Sozialwissenschaft
„Das ist eine schwierige Frage, denn man benutzt es eigentlich immer, aber die Bedeutung ist schon unterschiedlich. Also für mich ist Toleranz, einfach mit vielfältigen Menschen zusammenzuleben – aus jeglichen Ländern kulturell wie auch sozial – und jeden Mensch sein zu lassen: So wie er ist, so wie er möchte. Nur weil es nicht meine Anschauung ist, heißt es ja nicht, dass es schlecht ist. Es ist für mich, andere Sichtweisen zu akzeptieren und trotzdem miteinander gut leben zu können und auszukommen.“

 

Hafida und Ceyla, Lehramtsstudentinnen
„Toleranz ist meiner Meinung nach einfach das menschliche Miteinander – und ich betone hierbei ‚menschlich‘. Denn Beleidigungen, Anfeindungen, Rassismus oder auch Diskriminierung aufgrund der Religion, Sexualität und so weiter haben meiner Meinung nach nichts mit Menschlichkeit zu tun. Da sollte man differenzieren. Für mich ist Toleranz in erster Linie Menschlichkeit.“

 

Helena und Ted*, Fridays for Future
„Toleranz bedeutet, man toleriert, dass Menschen da sind. Inklusion aber bedeutet: Wie entwickelt sich eine menschliche Gesellschaft? sie entwickelt sich für die Menschen, die in ihr drin sind, es wird aber oftmals mit Menschen mit Behinderung verbunden. Da ist Akzeptanz vielleicht noch das Wort, das am besten passt. Das ist schwer, denn bei Toleranz geht immer mit, dass man alles tolerieren sollte, wo ich nicht mitgehen würde. Einfach diejenigen leben lassen, die andere Leute leben lassen.“                   

*Name geändert

 

Bunmi, DARF e. V.:
„Vorsicht, Rücksicht und Nachsicht. Ich vergleiche es mit einer Fahrschulmetapher: Vorsicht, sonst kannst Du etwas kaputt machen; Rücksicht, damit Du weißt, wer hinter Dir kommt und Nachsicht – hab ich letztendlich mit meinem Handeln jemanden geschadet oder nicht? Es gibt ein südafrikanisches Sprichwort „Ubunto“ – „Du bist, weil ich bin. Wenn ich nicht bin, bist du nichts.“ Etwas philosophisch, aber einfach: Wir müssen wertschätzen, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind.“

:Abena Appiah & Charleena Schweda