Wir Gründerstudenten erinnern an die rebellische Zeit rund um die RUB
Bochumer Blickwinkel auf die 68er-Bewegung
Bild: Stadtarchiv Bochum
„Der Spaß ist zu teuer, von mir kriegste nüscht!“: Was Ton Steine Scherben damals sangen, setzten Bochumer Studis mit ihrem Protest um. Bild: Stadtarchiv Bochum
„Der Spaß ist zu teuer, von mir kriegste nüscht!“: Was Ton Steine Scherben damals sangen, setzten Bochumer Studis mit ihrem Protest um.

Diskussion. Ikonen wie Adorno oder Dutschke hatte die Studierendenbewegung in Bochum nicht zu bieten.  Der Verein Wir Gründerstudenten möchte mit einer Veranstaltung an einen eher bodenständigen und lebensnahen Geist von „68“ an der Ruhr erinnern.

Anekdoten wie die von Rudi Dutschkes Besuch in Bochum werden gerne erzählt, wenn es um die einstige Revolte im Ruhrpott geht: Am 4. Februar 1968 saß der Studentenführer in der Wattenscheider Stadthalle mit dem damaligen SPD-Landestagesabgeordneten (und späteren Bundespräsidenten) Johannes Rau auf dem Podium. Nach der Diskussion überreichte er Dutschke einen rote Strampelhose. Ein Geschenk für den Sohn Dutschkes. Rau fügte hinzu: „Wenn er tüchtig strampelt, darf er mit 18 Mitglied der SPD werden.“ Dutschke parierte:  „Wenn er 18 ist, gibt es keine SPD mehr!“
Im Jubiläumsjahr der Revolte werden solche Geschichten rauf und runter erzählt. Ikonen wie Dutschke oder Cohn-Bendit stehen dabei oft im Mittelpunkt dieser Erinnerungen. Doch wie sieht es mit den vielen Kommiliton*innen aus, die den Geist von 1968 im beschaulichen Querenburg lebten? Berlin oder Frankfurt waren natürlich die Zentren des Protestes. Und auch die geistigen Väter der Studierendenbewegung lehrten nicht an der erst 1966 gegründeten Ruhr-Uni, wie sich Roland Ermrich, damals Vorsitzender des AStAs, erinnert: „Die Bochumer Studierendenschaft wurde immer, was die Theoriedebatten anging, als ‚graue Maus‘ bezeichnet. Dafür wurde in zahlreichen Projekten mehr praktische Arbeit geleistet. Die Studierenden an der RUB waren immer etwas bodenständiger, praktischer und lebensnaher.“

Gegen Bogestra und Kirche

Kapitel wie die Rote Punkt-Aktion gegen die Tariferhöhungen der Bogestra, Proteste gegen die katholizistische Hegemonie in den Wohnheimen oder die Durchsetzung einer fortschrittlichen Universitätsverfassung prägten diese rebellische Zeit und zeigten nachhaltige Wirkung. Der Verein Wir Gründerstudenten möchte mit verschiedenen Bochumer Zeitzeug*innen  die Jahre von 1966 bis 1969 beleuchten.
Dafür haben die „Gründerstudenten“ auch Referenten eingeladen wie Kurt Biedenkopf (CDU), der von 1967 bis 1969 Rektor der Ruhr-Universität war. Auf den späteren ersten Ministerpräsidenten Sachchens folgt anschließend auf dem Podium der AStA-Vorsitzende von 1967 Christoph Zöpel. Der Sozialdemokrat studierte Ende der 60er an der RUB und war von 1974 bis 1979 Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Bochum. Ebenso zu Wort kommen wird der Soziologe Urs Jaeggi, der ab 1966 Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der neugegründeten RUB war. Auf seine Analyse „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik“ haben sich zahlreiche Aktivist*innen bezogen.
Bochums „68“ soll mit dieser langen Diskussionsveranstaltung kritisch gewürdigt werden: „Die Studentenrevolte hat wie kaum eine andere Entwicklung zu unserer heutigen Zivilgesellschaft beigetragen. Vieles, was damals gefordert wurde, ist seit längerem Mainstream“, erklärt Mitorganisator Roland Ermrich.  „Aber dies ist kein Grund zur Verklärung. Viele damalige Aktionen werden aus heutiger Sicht dagegen weitaus kritischer – natürlich auch aus einen anderen Blickwinkel – beurteilt als dies 50 vor Jahren geschah.“
     

                                             :Benjamin Trilling