Die andere Seite des Urlaubsparadieses
Bürgerkrieg in Thailand
Foto: SSGT Stan Parker, USAF, Wikimedia Commons
Proben für den Ernstfall: Thailändische Soldaten bei einem Manöver. Foto: SSGT Stan Parker, USAF, Wikimedia Commons
Proben für den Ernstfall: Thailändische Soldaten bei einem Manöver

Thailand ist nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel, sondern spätestens seit 2004 auch der Schauplatz eines erbarmungslosen Bürgerkrieges, von dem die meisten TouristInnen nichts mitbekommen oder wissen. In den drei südlichsten Provinzen Thailands – Pattani, Narathiwat und Yala – leben überwiegend muslimische Malaien, während die im Großteil Thailands dominierenden buddhistischen Thais sich dort in der Minderheit befinden. Dort kam es im vergangenen Jahr zu zahlreichen Angriffen u.a. auf Lehrpersonal, die Attentäter kündigten den Fortgang der Gewalt an. Bereits seit Ende der sechziger Jahre gibt es in diesen Provinzen von Seiten der Malaien Bestrebungen nach Autonomie oder Abspaltung von Thailand. Die Forderungen entsprechender malaiischer Organisationen wie der PULO (Pattani United Liberation Organization) beinhalten auch die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts, in der Region sowie zumindest ein Referendum über die Abspaltung der Provinzen zwecks Gründung eines islamischen Staates, in Anlehnung an das bis 1902 existierende Sultanat Pattani.

2001 begannen islamische und islamistische Aufständische in den drei Provinzen mit einer Serie von Attentaten auf Angehörige der Polizei und Überfällen auf Polizeistationen. Die Regierung des früheren Premierministers Thaksin Shinawatra bestritt zunächst einen politischen oder religiösen Hintergrund der Vorfälle und schrieb sie örtlichen Kriminellen zu. Doch 2004 eskalierte die Gewalt im Süden Thailands drastisch. Neben Angehörigen von Polizei und Militär wurden zunehmend ZivilistInnen, insbesondere BuddhistInnen, Opfer von Angriffen und Bombenanschlägen. Alleine 2004 starben dort mehr als 600 Menschen. Die thailändische Regierung reagierte darauf mit der Ausrufung des bis heute geltenden Ausnahmezustandes in den drei Provinzen, der Entsendung von zehntausenden Polizisten und Soldaten in den Süden und mit einem harten und rücksichtslosen Vorgehen der Sicherheitskräfte. Letzteres stärkte den Rückhalt der Aufständischen in der muslimischen Bevölkerung.

Der Weg in den Teufelskreis

In den Folgejahren nahm die Intensität des bewaffneten Konflikts in Thailands Süden weiter zu. Die in verschiedenen Gruppierungen organisierten Aufständischen führten einen Guerilla-Krieg gegen die Sicherheitskräfte, verübten zahlreiche Terroranschläge und Brandstiftungen und begingen Morde an ZivilistInnen, die meist willkürlich oder rein von religiöser und ethnischer Feindschaft motiviert waren. Schulen wurden in Brand gesteckt und auf Banken, Hotels, Bars und Geschäfte wurden Bombenanschläge verübt. Die Brandstiftungen gegen Schulen und die gezielten Ermordungen von LehrerInnen führten im November 2006 zu einer länger andauernden Schließung aller Schulen in den drei Konfliktprovinzen. Die im September 2006 durch einen Militärputsch gegen Premierminister Thaksin an die Macht gekommene Junta unter Führung des muslimischen Generals Sonthi Boonyaratglin versuchte zunächst den Konflikt durch Deeskalation und Verhandlungen mit den Aufständischen zu lösen. Nach dem Scheitern dieses Ansatzes, auch aufgrund des Fehlens eines zentralen Verhandlungspartners auf Seiten der Aufständischen, kehrte die Junta 2007 zur harten Linie bei der Bekämpfung des Aufstands zurück.

Die Junta setzte im Kampf gegen die Aufständischen besonders auf lokale Bürgerwehren sowie auf die paramilitärische Ausbildung und Bewaffnung von (zum überwiegenden Teil buddhistischen) ZivilistInnen im Konfliktgebiet. Bis heute vorkommende Fälle von Vergeltungsaktionen gegen MuslimInnen durch Teile dieser Milizen und Bewaffneten, aber auch durch Angehörige der regulären Sicherheitskräfte heizen den Konflikt jedoch zusätzlich an. Die Jahre 2006 und 2007 waren mit jeweils über 700 Todesopfern die bisher blutigsten Jahre des Bürgerkrieges im Süden Thailands. Ab 2008 ist zwar die Zahl der jährlichen Todesopfer gesunken, doch gehören Kämpfe, Anschläge und Morde dort immer noch zum Alltag. Auch seit der Wahl von Yingluck Shinawatra (der jüngeren Schwester von Thaksin Shinawatra) zur ersten Premierministerin Thailands im August 2011 hat sich daran nichts geändert. Verhandlungen mit den gemäßigteren Teilen der Aufständischen werden immer wieder durch neue Gewalttaten unterbrochen.

Kein Ende in Sicht

2012 setzte sich die Gewalt unvermindert fort. So wurde beispielsweise am 23. November die 51-jährige Schuldirektorin Nuntana Kaewchan nahe der von ihr geleiteten Banta-Kamcham-Schule im Landkreis Nong Chik von zwei Männern mit einer Pistole und einem Sturmgewehr beschossen, als sie in ihrem Auto auf dem Weg zu einem Begräbnis war. Kaewchan wurde in Gesicht und Oberkörper getroffen und erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Als Reaktion darauf wurde in allen Schulen der drei Konfliktprovinzen zwei Wochen lang gestreikt. Am ersten Unterrichtstag nach diesem Streik wurden in der Baan-Bangor-Schule im selben Landkreis der Schuldirektor Tatiyarat Chueykaew und der Lehrer Somsak Kwanma erschossen. Als die Lehrer der Schule beim Mittagessen beisammen gesessen hatten, hatte eine Gruppe von bewaffneten Männern die Schule betreten und die Lehrer bewusst in Yawi, dem von den Malaien in Süd-Thailand gesprochenen Dialekt der malaiischen Sprache, aufgefordert, niederzuknien. Als Tatiyarat und Somsak dies nicht verstanden und dem nicht nachkamen, wurden sie dadurch als Thais und Buddhisten identifiziert und darauf von den Aufständischen von hinten erschossen. Seit 2004 wurden infolge des Aufstands in Südthailand mindestens 158 LehrerInnen und SchulmitarbeiterInnen ermordet. Die Täter von der Baan-Bangor-Schule hinterließen die Botschaft: „Ihr braucht die Körper der toten Lehrer gar nicht erst zu zählen. Es geht weiter.“

Insgesamt sind seit 2004 etwa 5300 Menschen in diesem Bürgerkrieg getötet worden. Ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht. Thailand hat inzwischen etwa 65.000 Soldaten und Polizisten sowie etwa 80.000 bewaffnete ZivilistInnen in den drei südlichen Konfliktprovinzen konzentriert. Die verschiedenen aufständischen Gruppierungen verfügen zusammen wahrscheinlich über mehr als 10.000 Kämpfer, darunter auch ausländische Dschihadisten. Wöchentlich ereignen sich neue Gewalttaten – die Region ist anscheinend in einem Teufelskreis der Gewalt gefangen. Über 30.000 BuddhistInnen haben die umkämpften Provinzen seit 2004 verlassen, etwa ein Zehntel der dortigen buddhistischen Bevölkerung. Der Exodus der BuddhistInnen, die verheerenden Anschläge auf die lokale Wirtschaft und das Ausbleiben des Tourismus bewirken den wirtschaftlichen Niedergang der Region, was auch den dort lebenden MuslimInnen erheblich schadet. Den militanten Islamisten wird dies jedoch nichts ausmachen, ist materielles Elend doch einer ihrer Nährböden.

Patrick Henkelmann

 

Autor(in):