2. Steampunk-Jahrmarkt in der Jahrhunderthalle: Erfindergeist und Extravaganz
Anachronistischer Karneval
Foto: kac
Nicht nur die historischen Fahrgeschäfte waren ein Hingucker: Auch viele Steampunks wie hier Julia und Pierre Leszczyk waren ständig im Fokus der Kameras. Foto: kac
Nicht nur die historischen Fahrgeschäfte waren ein Hingucker: Auch viele Steampunks wie hier Julia und Pierre Leszczyk waren ständig im Fokus der Kameras.

Korsetts und Zylinder, dazu Zahnräder und jede Menge Dampf – zum zweiten Mal lockte der Steampunk-Jahrmarkt vergangenen Samstag zahlreiche BesucherInnen in die Bochumer Jahrhunderthalle. Er bildete den Auftakt des 9. Historischen Jahrmarkts, der noch an den kommenden beiden Wochenenden weitergeht mit Veranstaltungen rund um die Kirmesattraktionen von einst. Nach der Premiere des Steampunk-Jahrmarkts im Vorjahr war das retrofuturistische Spektakel diesmal als ganztägiges Fest angelegt und begeisterte Neulinge ebenso wie eingefleischte Fans.

Mickey Knox mit seiner Steampunk Double Gatling Gun. Foto: joop„Das ist das großartigste Event, auf dem ich je gewesen bin; das ist Steampunk“, schwärmte der niederländische Tüftler Mickey Knox aus Amsterdam, der mit seiner zehnköpfigen Gruppe Clockwork Carrousel auf dem Jahrmarkt ihre fantasievollen Erfindungen präsentierte. „Die Mischung zwischen alter Fabrik, Karneval und Steampunk – das ist der perfekte Mix.“ Knox hatte sich vor zweieinhalb Jahren in das anachronistische Science-Fcition-Subgenre verliebt, zu dessen Hauptmerkmalen viktorianisch angehauchte Kleidung und dampfbetriebene Apparaturen gehören. Knox reize vor allem, dass er seiner Kreativität freien Lauf lassen und erschaffen könne, was er wollte. Je nach Größe seiner Projekte dauere der Bau mehrere Stunden, manchmal aber auch Monate. Viel Geld kosteten ihn seine Tüfteleien dagegen nicht.

„Ich baue gern alles aus Schrott, aus Müll“, erläuterte Knox anhand seiner Steampunk Double Gatling Gun, an der er sechs Monate lang fünf Stunden pro Woche gebastelt hatte. „Alle Teile habe ich gefunden, nur eins habe ich gekauft für 25 Euro. Mehr hat mich die ganze Gatling Gun nicht gekostet.“

„Es muss sich was drehen.“

Ausgefallene Apparate gab es auch bei der Gruppe S-Team-Art aus Baden-Württemberg zu bestaunen, die ihren Stand neben der Geisterbahn am gegenüberliegenden Ende der Jahrhunderthalle aufgebaut hatten. Der Zeppelin, der im Laufe des Tages mehrfach in der Halle kreiste, hielt leider nicht das ganze Event lang durch, aber die anderen Maschinen, über deren Sinn und Zweck das Publikum rätseln mag, werden in regelmäßigen Abständen vorgeführt.Die Steampunk-Gruppe S-Team-Art präsentierte fantasievolle Apparate. Foto: joop

„Wichtig ist mir auch die Funktionstüchtigkeit; es soll sich was drehen, bewegen, leuchten“, erklärte Raphaelius Alva Grußer über den eigenen Anspruch an die Erfindungen. Bei komplexeren Apparaten müsse er sich vor dem oft mehrmonatigen Bau auch Skizzen machen, kleinere Projekte entstünden auch nebenher. „Ich bin stolz auf jedes, in jedem steckt viel Liebe und Arbeit.“ So etwa in dem Dampfhorn-Spielophon, einer dampfbetriebenen Spieluhr mit Beleuchtung. Neben dem Basteln ist aber auch der Kontakt zu Gleichgesinnten bei den Treffen seiner Gruppe wie auch bei Events wie dem Steampunk-Jahrmarkt ein wichtiger Aspekt des Hobbys, so Grußer: „Ich lerne viele Leute kennen, die ähnlich ticken wie ich, die so – in Anführungszeichen – verrückt sind wie ich, denn ganz normal sind wir ja nicht.“

Blitze und Blubber

Nicht nur die AusstellerInnen präsentierten ihre anachronistischen Science-Fcition-Erfindungen, sondern auch zahlreiche BesucherInnen. Für viele von ihnen ist der Steampunk-Jahrmarkt ein Entfliehen aus der Realität in eine magische Welt, darunter auch die 34-jährige Medzinstudentin aus Bonn, die sich in dem Steampunk-Gengre als Jules H. Aetherton vorstellt. „Ich möchte lieber nicht darüber nachdenken, wie lange ich an meinem Kleid gearbeitet habe“, antwortet Jules auf die Anfrage, wie viel Zeit sie für ihr detailreiches Kleid brauchte. Auf ihrem Rücken trug sie eine Art schmaler Rucksack mit rundem Fenster, in dem Blitze zuckten. „Man braucht dafür eine Plasmascheibe, die auf Ton reagiert, so entstehen dann die Blitze“, erklärte Jules, die nicht als einzige steampunkiges Gepäck mitschleppte. Zahlreiche BesucherInnen hatten runde oder eckige Gefäße als Rucksack, die mit Wasser befüllt und mit LEDs beleuchtet waren. Immer wieder pusteten sie in Schläuche, damit sich ein Luftkissen aufblies und es in den Gefäßen sprudelte.

Inspirierende Zeitreisen

Julia und Pierre Leszczyk sind das ganze Jahr über auf viktorianischen Veranstaltungen unterwegs und das weltweit. Sie sehen sich als Teil der Zeitreiseszene. Die Leszczyks mögen die Offenheit und Freundlichkeit ihrer Gleichgesinnten. „Es ist toll auf diesen Veranstaltungen immer wieder neue Menschen kennenzulernen, die dasselbe Interesse zeigen und wir die neuen Freundschaften auch immer wieder auf Events antreffen und uns austauschen können“, schwärmte Pierre.

Thomas Singer sucht mit seinem Karnevalsverein nach neuen Kostümideen. Foto: kacBereits auf dem ersten Steampunk-Jahrmarkt waren auch einige Mitglieder des Karnevalsvereins Scooterteam Linz, darunter Thomas Singer: „Wir suchen uns hier neue Anregungen und haben dieses Jahr zu Karneval auch einen Wagen im Steampunk präsentiert.“ Normalerweise sei der Karnevalsverein über das Jahr gesehen kein Fan von Zeitreisen, für die Vereinsmitglieder sei es ein Grund mehr sich zu verkleiden, daher werden sie an diesen Freitag auch beim „Rock ‘n‘ Roll anne Raupe“ in neuen Kostümen den Jahrmarkt unsicher machen.

:Johannes Opfermann &

:Katharina Cygan

Alte Fahrgeschäfte, Industriearchitektur und Kostüme ergeben für manche BesucherInnen die perfekte Mischung. Foto: joop
Alte Fahrgeschäfte, Industriearchitektur und Kostüme ergeben für manche BesucherInnen die perfekte Mischung. Foto: joop
Erfinder Raphaelius Alva Grußer von der Gruppe „S-Team-Art“ zeigt sein „Dampfhorn-Spielophon“. Foto: joop
An den Tischen der Gruppe „S-Team-Art“ aus Baden-Württemberg gab es viele Maschinen zu bestaunen. Foto: kac
Manche Steampunk-Fans nähen nicht nur ihre eigenen Kostüme, sondern boten ihre Kreationen auch auf dem Jahrmarkt feil. Foto: joop
Ob gleich ganze Kostüme, ein Hut oder verspielte Accessoires – NeueinsteigerInnen und eingefleischte Fans konnten an den Verkaufsständen ihre Garderobe ergänzen. Foto: joop
Ob gleich ganze Kostüme, ein Hut oder verspielte Accessoires – NeueinsteigerInnen und eingefleischte Fans konnten an den Verkaufsständen ihre Garderobe ergänzen. Foto: joop
Die abenteuerlichen Gefährte der „Gesellschaft für Entschleunigung“ waren der größte Blickfang auf dem Steampunk-Jahrmarkt. Foto: kac
Die abenteuerlichen Gefährte der „Gesellschaft für Entschleunigung“ waren der größte Blickfang auf dem Steampunk-Jahrmarkt. Foto: kac
Labor eines verrückten Wissenschaftlers oder doch nur viktorianische Apotheke? Foto: joop
Mit Freunden auf eine fantastische Zeitreise gehen und Gleichgesinnte kennenlernen. Foto: kac
Auf dem Rücken von Steampunkerin Jules H. Aetherton funkt und knistert es. Foto: kac
Die Zeitreisenden drehen der langweiligen Gegenwart den Rücken zu. Foto: kac
Am Stand der niederländischen Gruppe „Clockwork Carrousel“: Eine „Tesla Arc Rifle“ made by Mickey Knox. Foto: joop
Unverzichtbares Accessoire für LuftschiffpiratInnen: Ein mechanischer Papagei. Foto: joop