Student präsentierte Dokumentarfilm über das Ankommen in Deutschland
Am Anfang war das Wort der Geflüchteten
Bild: Jan Lukas Meier
Fußball, Freunde und Engagement prägen Esmails Leben in Deutschland:  Jan Lukas Meier hat ihn für seine filmische Abschlussarbeit begleitet. Bild: Jan Lukas Meier
Fußball, Freunde und Engagement prägen Esmails Leben in Deutschland: Jan Lukas Meier hat ihn für seine filmische Abschlussarbeit begleitet.

Film. Kamera an und zuhören: Nach diesem Prinzip porträtierte der Journalistik-Student Jan Lukas Meier die beiden Syrer Manar und Esmail. Entstanden ist die Reportage „Hier“, eine B.A.-Arbeit, die am Samstag im Dortmunder Roxy ihre Kino-Premiere feierte.

Jan Lukas Winter wollte es nicht so stehen lassen, was die Leute  sagten. Das Jahr 2015 ging gerade zu Ende. Und damit die bisherige Willkommenskultur. Komische Bemerkungen über die Geflüchteten seien damals auch in seinem Bekanntenkreis gefallen, wie sich Winter erinnert. Der Student der Journalistik entgegnete: „Habt Ihr schon mal mit
ihnen gesprochen?“
Genau das hat er schließlich für seine Bachelorabschlussarbeit selbst getan, um die Angst vor Geflüchteten zu nehmen und sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Seine Ausgangsfrage: „Wie begegne ich dem als Journalist?“ Winter hat in Vereinen und Initiativen nach Gesprächspartner*innen gesucht. Schließlich fand er Esmail und Manar, beide waren aus Syrien geflohen. Mit ihnen sprach Winter drei Monate. Zuerst ohne Kamera und Aufnahmegerät. Bis schließlich die Dreharbeiten in Dortmund begannen. Das Ergebnis ist der rund 50-minütige Dokumentarfilm „Hier“, den Winter an der Technischen Universität Dortmund als B.A.-Arbeit im Fach Journalistik einreichte.
Vergangenen Samstag präsentierte der Student seinen Abschlussfilm auf der großen Leinwand. Im Dortmunder Roxy füllten Familie, Freund*innen und Kommiliton*innen den Kinosaal. Echte Premieren-Atmosphäre für ein Filmprojekt, bei dem Winter einen experimentellen Ansatz wählte, wie er im Gespräch mit der :bsz erläutert.

Das Prinzip Zuhören

Frei nach Claude Lanzmann stellte der junge Regisseur die Kamera auf und ließ die beiden Protagonisten reden. Ohne Schnitt, ohne feststehende Dramaturgie. „Es reicht einfach, wenn man zuhört“, sagt Winter. Aus den beiden langen Interviews sind am Ende acht Stunden Filmmaterial entstanden.
Erst danach hat Winter das Erzählte in Kapitel eingeteilt: Abschied und Flucht, Ankommen und Zukunft. Da erzählt Manar von den letzten Stunden, bevor er sich auf den Weg machte und die Ungewissheit, die ihn und seine Familien quälten: Wird es ein Wiedersehen geben? Was passiert mit Syrien? „Wir haben eine halbe Stunde geweint“,
sagt Manar.
Anekdoten über die ersten Tage in Deutschland gibt Esmail preis. Etwa die Ananas mit Fisch, die er in der Flüchtlingsunterkunft auf dem Teller erblickte. Warum essen sie hier so was? Mit Erstaunen verfolgte Esmail auch die deutsche Außenpolitik, als Merkel schließlich mit Erdoğan das EU-Türkei-Abkommen schmiedete. „Das ist genau das Gegenteil von Freiheit“, kritisiert  Esmail im Film. Wie Manar engagiert auch er sich im Verein Ankommen. Er übersetzt für Geflüchtete und hilft ihnen im Alltag. Die beiden Syrer sind Teil der so oft beschworenen Zivilgesellschaft. Dass sie in „Hier“ so dargestellt werden, liegt auch daran, dass Winter sie vor der Kamera einfach erzählen ließ.    

:Benjamin Trilling

Info:Box
„Hier“ soll demnächst in weiteren Kinos und Streaming-Portalen gezeigt werden. Ankündigungen finden sich unter: hier-film.de/