Träume brauchen Freiräume
Als im Sommer 2017 ein Haus besetzt wurde
Bild: vitz
Herner 131: die Besetzer*innen organisierten sich basisdemokratisch und hielten Nachtwachen.

Am vergangenen Freitag wurde erstmals eine Kurzdokumentation über die Besetzung des Hauses an der Hernerstraße 131 im Provisorium gezeigt.

Aktivismus. Schwellgen in Erinnerungen. Bei der Veranstaltungsreihe „Bochumer Geschichte(n)“ wird an vier Terminen gemeinsam in die Vergangenheit der autonomen Bewegung in Bochum gereist. Diese besetzte im Mai 2017 für zwei Monate ein leerstehendes Mehrfamilienhaus an der Hernerstraße 131. Eine Kurzdokumentation über jene Hausbesetzung wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe gezeigt und lockte nicht nur vergangene Erinnerungen wieder aus dem Gedächtnis, sondern auch viele Menschen in die Räumlichkeiten der Kulturfabrik. Um die 60 Menschen drängten sich ins Innere. Einige müssen stehen, während der Film läuft. „Träume brauchen Freiräume“ steht auf einem Transparent, welches aus dem Fenster des Hauses weht. Ist das der Grund, der die jungen Menschen dazu bringt, eine Straftat zu begehen? Schließlich stand der Hintereingang des Hauses nicht einfach so offen und ein Schlüssel oder Mietvertrag ist auch nicht vorhanden. Die vermummte junge Frau, die die Zuschauer*innen durchs Haus führt, ist sich des Hausfriedensbruch, den sie und auch die anderen durch die Besetzung begangen haben, bewusst, ihre Forderungen gehen jedoch weit über den von mehr Freiräumen für Bürger*innen hinaus. Einerseits solle das Haus ganz konkret als Experimentierort genutzt werden, indem Selbstorganisation, künstlerische Freiheit und gemeinsames Lernen erlebt werden kann und als Begegnungsort für die Nachbarschaft völlig ohne Konsumzwang; andererseits wurde die Aufmerksamkeit der verursachten Unruhe genutzt, um konkrete politische Forderungen in Bezug auf den Wohnungsmarkt an die Stadt zu stellen, so Aktivistin Tilda im Film

 

Zu der Zeit der Besetzung war das Haus eines von etwa 7.000 leeren Wohnräumen, die dem Wohnungsmarkt aus verschiedensten Gründen nicht zur Verfügung standen. Im Fall der Hernerstraße 131 hatte sich die Besitzerin, eine ältere Frau, nicht um Renovierungen kümmern können. Es sollte zwangsversteigert werden und die Besetzer*innen forderten von der Stadt, die Immobilie zu kaufen. Über zukünftige Nutzungen hätte danach weiter verhandelt werden können. Zwei Tage vor der Versteigerung wurde das Haus jedoch von einer Privatperson gekauft und die Verhandlungen zwischen Stadt und Besetzer*innen wurden obsolet. Ein Interview mit zwei Besetzer*innen bildet das Herzstück der Dokumentation und erfasst die Aufbruchstimmung, nachdem der Verkauf bekannt wurde. Die beiden blicken auf zwei Monate Selbstorganisation, die sie so noch nie erlebt hatten. Durch die friedliche Art der Besetzung und dem Konzept eines offenen Hauses stoßen die Aktivist*innen mit ihren Anliegen nicht nur in der Nachbarschaft auf fruchtbaren Boden in Form von Sachspenden, Nachbarschaftstreffen oder offenen Abenden mit Küche für alle, sondern auch mit der Polizei gab es keine Auseinandersetzungen, berichtet Aktivistin Tilda weiter, die sich die Filmvorführung wie viele andere auch nicht entgehen lassen konnte.

Im Gespräch mit ihr und auch anderen, die im Sommer 2017 in Kontakt mit der „Herner 131“ gekommen sind, wird klar, wie prägend die Zeit für die jungen Menschen gewesen sein muss. Nicht wenigen stehen, bei dem Anblick der roten Leiter im Hinterhof, die zu dem Fenster führt, welches für zwei Monate der Eingang zu ihrem Zuhause war, die Tränen in den Augen. Die Besetzer*innen verließen das Haus nach Verhandlungen mit den neuen Eigentümer*innen freiwillig. Wenn auch nur kurzweilig schufen sie einen Freiraum, machten auf Missstände und Diskrimierung auf dem Wohnungsmarkt aufmerksam und hinterließen eine Inspiration der Selbstwirksamkeit.

:Meike Vitzthum