70 Jahre Befreiung vom Faschismus: Ein Gespräch mit dem Historiker Ulrich Sander
„Heute redet man wieder nur vom Kriegsende“
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Im :bsz-Gespräch: Historiker Ulrich Sander sprach mit der :bsz über die Befreiung vom Faschismus vor 70 Jahren.     		                 Foto: bk
Im :bsz-Gespräch: Historiker Ulrich Sander sprach mit der :bsz über die Befreiung vom Faschismus vor 70 Jahren. Foto: bk

Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus? Im herrschenden Diskurs geht die Stimmung in die andere Richtung: Die :bsz sprach mit dem Historiker Ulrich Sander über das Kriegsende im Ruhrgebiet, die zunehmende Militarisierung und die gegenwärtige Kriegsgefahr.

:bsz: Am 8. Mai 2015 ist der zweite Weltkrieg vor genau 70 Jahren zu Ende gegangen. Es gibt das berühmte Bild, auf dem Rotarmisten die Sowjetflagge auf dem Reichstag hissen. Aber wie genau sah das Kriegsende aus, speziell im Ruhrgebiet?

Ulrich Sander: Im Ruhrgebiet ging der Krieg am 18. April 1945 zu Ende. Die britischen und US-amerikanischen Truppen hatten von Westen kommend das gesamte Ruhrgebiet umfasst und dann ab Anfang März die Wehrmacht eingeschlossen. Der Ruhrkessel wurde immer mehr zusammengedrückt und dann erfolgte in Iserlohn die Kapitulation – allerdings nach schweren Kämpfen. Nur Beckum und Ahlen wurden kampflos übergeben. Noch am 12. März 1945 war auf Dortmund der schwere Luftangriff erfolgt mit einem der stärksten Bombardements des ganzen Krieges. Eine Sowjetflagge hissten auch hierzulande – und zwar in der Senne –  die überlebenden russischen Gefangenen von Stukenbrock. Die Flagge wurde in Stein gemeißelt – aber im Kalten Krieg von örtlichen CDU-Politikern entfernt.

Wurde es von allen Seiten und Kräften in der Nachkriegszeit als das dargestellt, was es war? Als Befreiung vom Faschismus? Wie sah der Diskurs darüber aus?

Es gab keinen Jubel. Aber die Menschen waren erleichtert, dass der Kampf zu Ende ging und das Blutvergießen aufhörte. Zugleich waren sie aufgrund der heftigen faschistischen Propaganda auch in Sorge: Was geschieht mit uns, wenn die Sieger das gleiche mit uns machen, was wir mit ihnen gemacht haben? Konkret hatten sie Angst vor den vielen tausend Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, die nun freigelassen wurden und denen viele zutrauten, dass sie sich rächen würden. Hitler und seine Gauleiter hatten befohlen, die wichtigsten Industrieanlagen im Revier zu vernichten und zugleich die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen in den Schächten der Bergwerke zu ertränken. Doch das verweigerten die Industriellen, die bisher am Krieg verdienten und bis fünf vor zwölf Hitler unterstützten.  Die Gestapo hat allerdings hunderte Morde an in- und ausländischen Opfern der Endphase begangen.

Mittlerweile ist der Nationalsozialismus, der Weltkrieg wie auch das Kriegsende mit allen Folgen und Implikationen sowohl im Schulunterricht als auch in den Medien angekommen, wenn man z.B. an die vielen Geschichts-Dokus im Fernsehen denkt. Aber werden die Ereignisse immer richtig dargestellt?

Die wirklich korrekte Darstellung ist ansatzweise vorhanden, steht aber insgesamt noch aus.  Die Ursachen des Faschismus und seine Stützen seitens Industrie, Konservatismus und Militärs werden kaum richtig dargestellt. Die Opfer sind meist immer die Deutschen, die zwar sehr gelitten haben, aber doch infolge der eigenen Schuld oder Mitschuld. Der Bombenkrieg z. B. ging von Deutschland aus und dann schlugen USA und Großbritannien zurück. Wir wurden nicht aus eigener Kraft befreit. Dazu bedurfte es der alliierten Antihitlerkoalition, in der die Sowjetunion die entscheidende stärkste Kraft war. Aber diese Relation wird kaum sichtbar: Dem Westen wird gedankt für seine Befreiungstat, die Russen werden wieder mit Feindseligkeit behandelt. Der deutsche Widerstand war immer nur einer des Adels und des Bürgertums, aber 75 Prozent des Widerstandes war kommunistischer Arbeiterwiderstand. 1985 hat der damalige Bundespräsident von Weizsäcker die Befreiung von Krieg und Faschismus auch Befreiung genannt. Heute redet man wieder nur vom „Kriegsende“

 

:bsz-Infobox: Vita

Ulrich Sander ist Journalist und Buchautor. Er wurde 1941 in Hamburg geboren und lebt in Dortmund. Seit Beginn der Ostermärsche 1960 gehört er der Friedensbewegung an. Momentan ist er auch Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten (VVN-BdA).

 

 

 

Rassismus, Kriegseinsätze, neofaschistische Anschläge – das alles nimmt gerade erschreckenderweise wieder zu. Welche konkreten Schlüsse müssen wir aus Krieg und Faschismus für heutige Erscheinungsformen ziehen? Wenn man etwa an die Worte von Gauck, von der Leyen und Co denkt – gibt es wieder eine zunehmende Militarisierung in der Gesellschaft?

Ja, die gibt es, und zwar nach Außen wie nach Innen. Für fast jedes außenpolitisches Problem wird die gewaltsame Lösung ins Auge gefasst. Das Völkerrecht von 1945 – das grundsätzlich noch gültig ist – verbietet aber den Deutschen die Kriege. Das Grundgesetz kennt in Artikel 139 das Prinzip der Fortgeltung der zur Befreiung von Militarismus und Nationalsozialismus erlassenen Rechtsgrundsätze – also Kriegs- und Naziverbot. Dagegen wird verstoßen. So auch gegen das Potsdamer Abkommen und das Urteil des Internationalen Militärgerichtshofs von Nürnberg mit seinen völkerrechtlich verbindlichen Aussagen gegen ein Wiederauferstehen des Militarismus und Nazismus in Deutschland. Ebenfalls ohne Darstellung in den Konzernmedien bleibt die Vorbereitungen für den Einsatz der Bundeswehr im Innern, die Bedrohung des Streikrechts durch sie, die Vorbereitung hunderttausender Reservisten auf den Kampf an der „Heimatfront“, und das Bereithalten der Notstandgesetze. Derzeit werden Propagandaoffensiven zur Militarisierung besonders der Jugend gestartet. Dagegen gilt es anzugehen.

 Anlässlich des 65. Jahrestages reiste Bundeskanzlerin Merkel noch nach Russland. Mittlerweile sind die Fronten dafür viel zu verhärtet. Wie soll man das einordnen? Ist 70 Jahre nach dem ersten Weltkrieg ein militärischer Konflikt zwischen der BRD, der Nato und Russland noch auszuschließen?

 Nein, leider nicht. Die Gefahr eines künftigen Krieges ist gegeben. Der neue Nato-Oberbefehlshabers Philipp M. Breedlove hat auf deutschem Boden, in dem JAPCC, dem gemeinsamen Luftmacht-Kompetenzzentrum der Bundeswehr- und Nato-Luftzentrale in Kalkar dazu die Pläne ausgearbeitet. Sie besagen: „Die zwei Jahrzehnte überdauernde Annahme, daß es in Europa keinen Ausgangspunkt für einen größeren Krieg gebe, ist einigermaßen zweifelhaft.“ Das heißt doch: Der Krieg ist möglich, schon bald, und die NATO sieht sich als Sieger. Die Landesregierung, auf die Gefahr des umfassenden Drohnenkrieges von Kalkar aus angesprochen, wich einer Antwort aus.

Eine Woche vor dem 8. Mai jährt sich auch der Anschlag auf das Gewerkschaftshaus durch faschistische Kräfte und Regierungspartner in Odessa. Auch die Zusammenarbeit der ukrainischen Regierung mit Faschisten wurde damals von der Bundesregierung toleriert. Was sagen Sie dazu als antifaschistischer Publizist?

Diese Zusammenarbeit und die Unterstützung der auch von Faschisten getragenen Regierung in Kiew durch die Bundesregierung und die Nato wie EU halte ich für außerordentlich gefährlich. Es wird somit einer rechtsextremen Regierung in der Ukraine die Macht gegeben, über Krieg oder Frieden in Europa mit zu entscheiden. Dass der Anschlag auf das Gewerkschaftshaus von Odessa nicht aufgeklärt wurde und heute kaum ein Thema ist, das ist bezeichnend. Auch unsere Gewerkschaften sind aufgefordert, sich endlich mit den Antifaschisten in der Ukraine und in Russland zu solidarisieren.

Krieg und Rassismus stehen hierzulande nur einer schwachen Linken gegenüber. Oder wie ist es zu erklären, dass etwa Akteure der Friedensmahnwachen klassische linke Themen besetzen oder gar mit Linken zusammenarbeiten, wie das Beispiel Friedenswinter zeigt? Welche politischen Schritte müssen 70 Jahre nach Kriegsende erfolgen, um diese "Krise der Linken" zu überwinden?

 

Die Unterstützung des Friedenswinters und der Montagsmahnwachen durch Teile der klassischen Friedensbewegung war zunächst dem Wunsch geschuldet, deren unerfahrenen neuen Anhänger mit Argumenten zu erreichen.  Aber die obskurantistischen Anführer, die die Friedensbewegung nach rechts öffnen wollten, behielten das Sagen. Die Friedensbewegung braucht zweierlei: Die Unterstützung der Gewerkschaften und das Bewusstsein der Bevölkerung, der Jugend, der Studenten, dass wir tatsächlich vom Krieg bedroht sind. Heute sind die meisten Leute gegen den Krieg, aber der ist ja weit weg. Und die großen gesellschaftlichen Kräfte, die Anfang der 50er Jahre und der 80er Jahre ausschlaggebend waren, die SPD, die Grünen stehen auf der falschen Seite; die Kirchen und Gewerkschaften mischen sich zu wenig ein. In den Städten wehren sich die Leute gegen die Nazis, sagen „Bunt statt braun“. Es muss aber auch heißen: „Bunt statt braun und olivgrün“

 

 

Ulrich Sander ist Journalist und Buchautor. Er wurde 1941 in Hamburg geboren und lebt in Dortmund.. Seit Beginn der Ostermärsche 1960 gehört er der Friedensbewegung an. Momentan ist er auch Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten (VVN-BdA)