Dortmund im Nationalsozialismus
„Du Menschenkäfig voller Leid“
Bild: mafa
Unzählige Zelleninschriften, die damals auf unterschiedlichsten Sprachen verfasst wurden, werden heute in einer der Gefägniszellen ausgestellt. Bild: mafa
Unzählige Zelleninschriften, die damals auf unterschiedlichsten Sprachen verfasst wurden, werden heute in einer der Gefägniszellen ausgestellt.

Lokalgeschichte. Die Dauerausstellung im ehemaligen Polizeigefängnis „Steinwache“ dokumentiert multimedial die zu Zeiten des NS-Regimes vor Ort vollstreckte Verfolgung und Gewalt.

Geschichte von Gewalt und Verfolgung adäquat zu vermitteln, ist ein Drahtseilakt; die lokalhistorische Aufbereitung eine Möglichkeit der Annäherung. Die Mahn- und Gedenkstätte „Steinwache“ im ehemaligen Polizeigefängnis Dortmund war ein Schauplatz für den politisch und rassistisch motivierten nationalsozialistischen Terror und die systematisch vollstreckten Willkürmaßnahmen. Die Dauerausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945“, die 1983 fertiggestellt und 1992 überarbeitet einen ständigen Platz in der „Steinwache“ fand, führt der Öffentlichkeit auf fünf Geschossen unter anderem vor Augen, wie aus einem der modernsten Polizeigefängnisse der Weimarer Republik die „Hölle Westdeutschlands“ wurde. Neben Seminaren werden Gruppenführungen angeboten. Auch „RUB bekennt Farbe“, ein Projekt des AStA und des Rektorats, organisierte eine solche Führung für Samstag dem 11. Januar, an der etwa ein halbes Dutzend Interessierte teilnahmen.

Wer durch das sonnendurchflutete Treppenhaus läuft oder sich die blitzblanken, rekonstruierten Zellen mit hellgelben Wänden anschaut bekommt nicht sofort einen Eindruck vom Schrecken, den diese Räume eingefangen haben. Es braucht die aus Befragungen und Hinterlassenschaften von Zeitzeug*innen gewonnenen Informationen. Das 1905/6 in der Dortmunder „Nordstadt“, dem klassischen Arbeiter*innen- und Einwander*innenviertel, eingerichtete Hauptgebäude der Polizeiwache wurde in den 1920er Jahren um einen viergeschossigen Zwischenflügel und das fünfgeschossige Gefängnis erweitert. Es diente vor 1933 vor allem der U-Haft; typische Delikte waren Alkoholismus oder Prügeleien. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialist*innen, der „Reichstagsbrandverordnung“ und dem Ermächtigungsgesetz, wurde die sogenannte „Schutzhaft“ zur gängigen Praxis: Sie machte es möglich, Menschen ohne richterlichen Haftbefehl präventiv „zum Schutz der Allgemeinheit“ einzusperren, wodurch es zu einer systematischen Verfolgung und Festnahme politischer Gegner*innen- und in den Augen der Nationalsozialist*innen unliebsamer Bevölkerungsgruppen kam, darunter jüdische Menschen, Sinti und Roma und Zwangsarbeiter*innen vor allem aus Polen und den Sowjetstaaten. Die in Hörde stationierte Geheime Staatspolizei (GESTAPO) nutzte die Wache im „roten Dortmund“ inoffiziell mit; einige Beamt*innen wurden zwangsentlassen. Allein zwischen 1933 und 1939 saßen um die 65.000 Häftlinge in der „Steinwache“ ein; zunehmend wurde sie zur Deportationsstelle in Konzentrationslager. In der Dokumentation zeigt sich die zunehmende Entmenschlichung der Opfer: Aus der einzelnen Aufführung jeder Person wurde etwa „ein Zug voller Russen“. Auch die teilweise wochenlange Folter und Erpressung Gefangener in Zellen stumpfte die Beamt*innen ab. Die „modern“ eingerichteten Zellen waren nun heruntergekommen, überbelegt und kontaminiert.  Den Veranstalter*innen geht betreffs der Aufspürung verfolgter Gruppen auf die Rolle der Bevölkerung ein, die zum Großteil keine Widerständler*innen wie die in der Ausstellung behandelten Angehörigen der sozialistischen „Winzer Gruppe“ gewesen sein mögen: „Es gab in Nazideutschland unglaublich viele Nazis“. Die Ausstellung entstand in den 1980er Jahren, als die Leistungen des Widerstandes besonders würdigend hervorgehoben wurden und ist für die Veranstalter*innen selbst zu einer historischen Quelle geworden.

In den kommenden Jahren soll sie von einer Ausstellung, die sich auf die Rolle der Polizei im NS konzentriert und Dortmund als „Unique Selling Point“ heraushebe, abgelöst werden; solange kann sie dienstags bis sonntags zwischen 10 und 17 Uhr besucht werden.

:Marlen Farina