Interview: Coach Nils Terborg über perfekte Beziehungen abseits der Norm
„Beziehungen mit mehreren Beteiligten funktionieren oft sehr gut“
Foto: Nils Terborg
Offenheit ist alles: Terborg plädiert für Beziehungsvielfalt. Foto: Nils Terborg
Offenheit ist alles: Terborg plädiert für Beziehungsvielfalt.

Unser Alltag sieht heute in vielen Dingen grundlegend anders aus als noch vor 30 Jahren, dennoch halten wir in Liebesdingen an uralten Traditionen fest. Das ist der Grund, warum viele Menschen mit ihrer Beziehung unzufrieden sind, sagt Nils Terborg. Der RUB-Absolvent und Kommunikationscoach zeigt in seinem Blog und E-Book „Deine perfekte Beziehung“ mit spannenden Denkansätzen, wie es besser laufen könnte.

:bsz Nils, du behauptest, dass das Festhalten an monogamen Beziehungen nicht mehr zeitgemäß ist. Was sind die Alternativen?

Nils: So scharf würde ich das gar nicht formulieren. Aus biologischer Sicht zählen Menschen nicht zu den monogamen Tieren  – davon gibt es auch nur sehr wenige. Die Frage, die wirklich dahinter steckt, ist aber: Wie möchte ich mein Leben und Lieben gestalten? Ich bemerke immer wieder in Coachings und privaten Gesprächen, dass viele gar nicht wissen, welche Möglichkeiten sie haben, dies nach individuellen Bedürfnissen zu tun. Weil es an Selbstreflexion und Toleranz für Lebensentwürfe fehlt, die abseits der Norm liegen.

Wenn du aber wirklich von „Festhalten“ sprichst, dann sehe ich das tatsächlich kritisch. Für mich klingt das verkrampft. Die Realität sieht so aus, dass viele gut funktionierende Beziehungen zerbrechen, „nur“ weil der Partner seinen Trieben gefolgt ist und mit einer Person außerhalb der Beziehung geschlafen hat. Ich will keinen Vertrauensbruch rechtfertigen, finde das aber irgendwo auch verständlich. Sollte man seine Beziehung durch so ein schwieriges Versprechen belasten? Aus der Perspektive finde ich, dass das eine spannende Frage ist!

Wenn ich auch nach reiflicher Überlegung gerne nur eine Freundin hätte, bin ich dann hoffnungslos altmodisch?

Dann wären wir schon zu zweit. Ich persönlich würde mich nicht daran stören, altmodisch zu sein, wenn ich dabei glücklich bin. Mir ist Toleranz sehr wichtig. Ich kann ja nicht Offenheit und Akzeptanz predigen und dann Menschen verurteilen, die sich bewusst einem traditionellen Lebensentwurf zuwenden.

Auf der anderen Seite funktionieren Beziehungen mit mehreren Beteiligten aber oft sehr gut. Was viele vergessen: Das ist natürlich auch eine Zeitfrage. Ich bin mit meiner Freundin glücklich und mit Freunden, Hobbys und Arbeit insgesamt schon ziemlich ausgelastet.

Wir stehen sowieso schon ständig unter dem Druck, an uns arbeiten zu sollen. Warum jetzt auch noch in Beziehungen?

Ich nehme diesen Druck bei mir selbst und bei Menschen in meinem professionellen und persönlichen Umfeld auch wahr. Bis zu einem gewissen Grad finde ich das absolut in Ordnung. Denn in meiner Realität besteht ein glückliches Leben nicht aus einer Couch und einem Fernseher, sondern aus ständiger Entwicklung.

So lange mich etwas unglücklich macht, gebe ich auch dem Druck nach, das zu ändern. Warum also nicht auch bei Beziehungsthemen? Letztlich sind an einer Beziehung ganz profane Fähigkeiten beteiligt: zuhören, empathisch sein, sich selbst entspannen können und emotionale Intelligenz. Also alles klassische Coaching- und Trainingsthemen. Wichtig dabei finde ich: nicht zu viel von anderen einreden lassen. Wenn Du selbst Druck verspürst, etwas zu ändern, dann nimm professionelle Hilfe in Anspruch. Wenn du den Eindruck hast, jemand will dich zu etwas drängen, dann darfst Du es auch einfach nicht machen.

:Marek Firlej

Nils Terborg weiß als Beziehungscoach uns selbstbezeichneter „Kopfmensch“ weiß, dass sich Vernunft und Gefühle nicht immer reibungslos miteinander vertragen. Auf seinem Blog und in seinen Büchern schreibt er darüber, wie man in Liebesdingen vom Grübeln ins Tun kommt und eigene Schwächen zu Stärken machen kann und letztlich „die glückliche, aber nicht zu perfekte Beziehung“ findet.

Anmerkung: Nils’ Biografie am Ende dieses Artikels wurde am 23. Juni 2016 aktualisiert.
 

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